Page 11 - Glitterhouse Katalog
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No Depression             11
           im  weiten,  weihevollen  Cash-Clan  erheblichen  fen Sammlung von elf Tracks, von denen ihr neun
           Einfluss  auf  ihre  langjährige  Entwicklung  zur  auf den eleganten Klangleib geschrieben wurden,
           eigenständigen Country-Künstlerin haben wird, so  während  sich  zwei  Coverversionen  von Andrew
           ist  und  bleibt  es  ebenso  schade  wie  wenig  hilf-  Bird und Bruce Cockburn  perfekt und nahtlos ins
           reich,  Rosanne  auf  ihre  reine  Rolle  als  bloße  saitengemalte  Gesamtbild  einfügen.  Addi’s
           Tochter zu reduzieren. Erlebte man das Vergnügen  Stimme  steht  unbestritten  im  Mittelpunkt  dieses
           (und genau das ist es – ein wahres Vergnügen!),  wohlgestalteten Gemäldes aus allen erdenklichen
           ihre  Reife-Geschichte  über  die  Jahrzehnte  und  Wurzel-Farben,  die  vom  groove-unterwanderten
           zahlreichen Alben hinweg zu verfolgen, so sieht  Swamp-Blues  über  fiebernden  Desert-Country,
           man  sie  mehr  und  mehr  aus  dem  Schatten  der  gefühlvollen Country-Soul und sanft swingenden
           nahezu übermächtigen Herkunft treten und ihren  Latin bis hin zu  Fiddle-beschwingten Backporch-
           ganz eigenen Stil des elegant-gepflegt gefühlvol-  und klassischen NY-Folk reichen, wobei der rauh-
           len  Singer-Songwriter-Country-/Roots-Rock  ent-  schneidende  Roots  Rock  sich  auch  schon  mal
           wickeln, pflegen und zur Vollkom-menheit tragen,  inmitten  der  herzwärmenden  Ballade  drängelnd
           und  spätestens  seit  sie  in  ihrem  aktuellen  seine  Bahn  bricht.  Saiteninstrumente  in  allen
           Labelhafen  angelangt  war,  verblüfft  und  erfreut  erdenklichen  Klangfarben  von  artigen  Akustik-
           sie  auch  den  verwöhntesten  Kenner  mit  einer  Akkorden über Slide und Twang bis hin zur satt-
           Reihe von in bedächtiger Regelmäßigkeit erschei-  sumpfigen  Slide  bestimmen  das  instrumentale
           nenden Wurzel-Wunderwerken, deren Grad gelas-  Feld  (gern  auch  in  herzhaft  ausgelebten
           sener Abgeklärtheit von Werk zu Werk zunimmt.  Gitarrenparts),  daneben  werfen  eine Akkordeon,
           Und so bildet auch das 2018er Blue Note-Album,  eine  Posaune,  Orgel  und  anderes  Tastenwerk,
           entstanden  unter  Mitwirkung  von  Gatte  John  sogar  dezenter  Streichereinsatz  gezielte  Streif-
           Leventhal,  Tucker  Martine,  T-Bone  Burnett  und  und  Glanzlichter,  aber  es  ist  der  berührend
           gewürzt mit Gastauftritten von Kris Kristofferson,  betörende Gesang, der Album wie Artistin so ein-
           Elvis Costello und Sam Phillips, nicht einfach ein  zigartig  machen.  Mal  spürbar,  mal  hörbar,  mal
           weiteres  Glied  der  an  Schmuckstücken  reichen  offensichtlich, mal nur vom Gefühl her gemahnt
           Albenkette,  sondern  stellt  eine  erneute  Krönung  die samtweiche Stimme mal an das dunkelwarme
           des  bisher  Erreichten  dar.  Herzvoll  und  gefühls-  Timbre  einer Annie  Lennox,  mal  an  die  düster-
           reich, elegant artistisch und wurzeltreu naturver-  verführerische Wirkung der Wüstenstimme Margo
           bunden,  melodiesatt  und  harmonieverliebt  wan-  Timmins,  mitunter  erinnern  Intonation  und
           dern die Songs direkt ins Herz, getragen von einer  Intensität  an  die  junge  Joan  Baez,  sogar  Esther
           dauerhaft  berührenden,  immer  wieder  auch  an  Ofarim kommt einem auf der Suche nach außer-
           Carly Simon erinnernden Stimme, die dieser per-  gewöhnlichen Stimmen in den Sinn (während die
           fekt zwischen akustisch und instrumental ausge-  saftigen  Swamp-Ausflüge  auch  an  Bonnie  Raitt
           wogenem   Instrumental-Meisterhand-werks-  denken lassen), aber all diese edlen Ähnlichkeiten
           Melange  genau  die  seelenwärmende  Tiefe  ver-  können  sich  dem  vokalen  Phänomen  nur
           leiht, die einem solch besonderen Song-Werk den  annähern, diese gefühlvoll schmeichelnde Stimme
           bleibenden  Wert  verleiht.  Vier  Jahre  nach  The  lohnt, mit eigenen Ohren entdeckt zu werden. Ein
           River & The Thread gelingt es der einzigartigen  vom ersten Moment an berührender Erstling, der
           Rosanne, sich ein weiteres Mal selbst zu übertref-  tiefe Spuren hinterlässt. (cpa)
           fen. Wiederum ein Meisterstück. (cpa)  Jeff Tweedy – Warm   26,95/15,95
           Die limitierte DeLuxe-Ausgabe bietet neben einer  LP/CD.  Gelassen  hemdsärmeliges,  bei  allem
           aufwändigeren Verpackung drei Zusatz-Songs.  Hang  zu  schlicht  schönen  Harmonien  durchweg
           The delines –              von  handgemachtem  Charme  geprägtes  2018er
           The Imperial     19,95/14,95  Elf-Song-Werk  der  Wilco-Seele  und  –Stimme,
           LP/CD.  Drittes  Album  in  fünf  Jahren  von  der  aufgenommen  in  den  Loft  Studios,  Chicago  mit
           Band aus Portland, Oregon. Die hatte ich bislang  Sohn  Spencer,  Glenn  Kotche  und  Tom  Schick.
           nicht  auf  dem  Schirm,  aber  schon  wenige  Töne  Das Album lebt ganz und gar von Tweedy’s dezent
           sagen  mir,  dass  Kollege  Christoph  The  Delines  angerauhter,  mitunter  verletzlich  brüchiger
           kennen  muss.  Und  richtig,  im  GH-Archiv  stößt  Stimme,  die  ihre  nie  zu  aufwändigen,  aber  stets
           man  auf  einen  gewohnt  leidenschaftlichen  Text  ungemein ohrgängigen Melodiebahnen durch ein
           zum  2014er  Delines-Debüt  „Colfax“,  der  dann  von  naturbelassenen  Akustik-Gitarren-Akkorden
           auch  weitere  Fakten  zur  Band  liefert.  Die  ging  geprägtes Singer-Songwriter-Folk-Rock-All zieht,
           nämlich  aus  ehemaligen  Musikern  von  während um sie herum sich zunächst dezent, dann
           Damnations  TX,  Decemberists,  Minus  5  und  immer  deutlicher  die  Vielfalt  des  Tweedy-typi-
           Richmond Fontaine hervor. Geprägt werden The  schen Americana entfaltet. In der Mitte des ener-
           Delines von der bewundernswerten Damnations-  gisch-empfindsamen  Dreiecks  von  Neil  Young,
           Sängerin Amy  Boone,  die  schon  richtig  gut  ist.  John Lennon und Bonnie Prince Billy entwickelt
           Soulful,  warm  und  ein  bisschen  dunkel,  dazu  sich eine eigensinnige Alternative Country-Kunst,
           immer  ausgeruht  und  mit  lässiger  Deepness  die  gleichermaßen  dem  schleppenden  Country
           gesegnet.  Dazu  passt  auch  der  subtile  Band-  Rock des ersten Tribut zollt, wie sie die Balladen
           Sound,  den  ich  mal  etwas  verkürzt  als  Soul  mit  des zweiten atmet und den dritten in seiner inten-
           Pedal  Steel  beschreiben  will.  Prägendes  siven  Verletzlichkeit  widerspiegelt.  Dazwischen,
           Instrument  sind  aber  die  Tasten:  mal  dezent  im  daneben und darüber eröffnet sich bei wiederhol-
           Hammond-Sound, meistens aber als sehr cooles,  tem  Hören  -  bei  aller  zurückgelehnten
           souliges Fender Rhodes-Piano präsent. Insgesamt  Entspanntheit  des  Dargebotenen  –  eine  bemer-
           klingt  die  Band  schlank  und  luftig,  der  Vibe  ist  kenswerte Vielfalt, deren Tiefgang sich erst dem
           Americana, der Sound aber wie gesagt fast schon  Dauerlauscher  erschließt.  Zwischen  klassischem,
           Soul – teils sogar mit sehr guten, unaufdringlichen  Steel-beglänztem Country Rock und schrammel-
           Bläsern. Aber ganz ohne Schweiß und allzu exal-  charmantem Singer-Songwriter-Folk herrscht aus-
           tierte  Emotion.  Country-Element  sind  am  reichend  Luft  und  Lust  für  Back  Porch-
           Verschwinden, lediglich die Gitarre setzt pointier-  Entspannung  und  Pub  Rock-Klarheit,  Beatles-
           ten Twang. Auf  Christophs  Referenzen  stieß  ich  Harmonien und Pernice Brothers-Hymnen, sogar
           beim  Hören  ebenfalls  recht  schnell:  Cowboy  für psychedelisches Abheben, elektrisch verzerrtes
           Junkies  und  Dusty  Springfield.  Gemma  Ray  Ausufern und sonor beknurrte Giant Sand-Wüsten
           möchte ich noch ergänzen. (Joe Whirlypop)  finden sich Zeit und Gelegenheit, wenn man die-
           addi mcdaniel –            sem Warm-Werk die Muße zur Entfaltung gönnt.
                                      Eine  Americana-Alternative,  die  die  zweite  und
           After The News       14,95  dritte Begegnung bleibend belohnt. (cpa)
           CD. Gleichermaßen delikates wie deftiges Debüt,
           ein wahrer Edelstein von einem Erstling, wie man
           nur  selten  einen  entdecken  darf.  Die  auch  als
           Schauspielerin  von  New  York  aus  agierende
           Sängerin  mit  der  dunkel-warmen  Stimme  über-
           zeugt  bei  ihrem  ersten  Roots-Rock-/Americana-
           Folk-Album-Alleingang  mit  einer  ungemein  rei-
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