Page 11 - Glitterhouse Dezember Katalog
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No Depression                                         11

Jeff Tweedy –         26,95/15,95
Warm

LP/CD. Gelassen hemdsärmeliges, bei allem            dem Dauerlauscher erschließt. Zwischen klas-
Hang zu schlicht schönen Harmonien durch-            sischem, Steel-beglänztem Country Rock und
weg von handgemachtem Charme geprägtes               schrammel-charmantem Singer-Songwriter-
2018er Elf-Song-Werk der Wilco-Seele und –           Folk herrscht ausreichend Luft und Lust für
Stimme, aufgenommen in den Loft Studios,             Back Porch-Entspannung und Pub Rock-
Chicago mit Sohn Spencer, Glenn Kotche und           Klarheit, Beatles-Harmonien und Pernice
Tom Schick. Das Album lebt ganz und gar von          Brothers-Hymnen, sogar für psychedelisches
Tweedy’s dezent angerauhter, mitunter verletz-       Abheben, elektrisch verzerrtes Ausufern und
lich brüchiger Stimme, die ihre nie zu aufwän-       sonor beknurrte Giant Sand-Wüsten finden
digen, aber stets ungemein ohrgängigen               sich Zeit und Gelegenheit, wenn man diesem
Melodiebahnen durch ein von naturbelassenen          Warm-Werk die Muße zur Entfaltung gönnt.
Akustik-Gitarren-Akkorden geprägtes Singer-          Eine Americana-Alternative, die die zweite
Songwriter-Folk-Rock-All zieht, während um           und dritte Begegnung bleibend belohnt. (cpa)
sie herum sich zunächst dezent, dann immer
deutlicher die Vielfalt des Tweedy-typischen
Americana entfaltet. In der Mitte des ener-
gisch-empfindsamen Dreiecks von Neil
Young, John Lennon und Bonnie Prince Billy
entwickelt sich eine eigensinnige Alternative
Country-Kunst, die gleichermaßen dem
schleppenden Country Rock des ersten Tribut
zollt, wie sie die Balladen des zweiten atmet
und den dritten in seiner intensiven
Verletzlichkeit widerspiegelt. Dazwischen,
daneben und darüber eröffnet sich bei wieder-
holtem Hören - bei aller zurückgelehnten
Entspanntheit des Dargebotenen – eine bemer-
kenswerte Vielfalt, deren Tiefgang sich erst

The delines –                                        Country-Folk-, Western Swing, Honky Tonk,

The Imperial          19,95/14,95                    Country Waltz und dezenten Roots Rock-

LP/CD. Drittes Album in fünf Jahren von der          Ausreißern, aus Tränenzieher-Balladen und

Band aus Portland, Oregon. Die hatte ich bislang     beschwingendem Midtempo zu einer zeitlos gülti-

nicht auf dem Schirm, aber schon wenige Töne         gen Geschichtsstunde des Wahren, Guten &

sagen mir, dass Kollege Christoph The Delines        Bleibenden, zumal der unverfälscht reine Gesang,

kennen muss. Und richtig, im GH-Archiv stößt         der Dawn auch zwei- und dreilagig ihren Vokal-

man auf einen gewohnt leidenschaftlichen Text        Platz in Stimm-Himmel-Höhen zwischen Tift

zum 2014er Delines-Debüt „Colfax“, der dann          Merritt, Kacey Musgraves und Kelly Willis finden

auch weitere Fakten zur Band liefert. Die ging       lässt, jeder Country-Stil-Variante genau den richti-

nämlich aus ehemaligen Musikern von                  gen Ton verleiht. Dies ist kein dröges Country-

Damnations TX, Decemberists, Minus 5 und             Kleingebäck, hier wird prächtigstes, mit nur den

Richmond Fontaine hervor. Geprägt werden The         besten Zutaten zubereitetes Nashville-Naschwerk

Delines von der bewundernswerten Damnations-         gereicht, gekrönt von einer mitreißend natürlichen

Sängerin Amy Boone, die schon richtig gut ist.       Stimme, die auch den überzeugtesten Country-

Soulful, warm und ein bisschen dunkel, dazu          Verkenner verzaubern wird. Ein sattes Dutzend

immer ausgeruht und mit lässiger Deepness            Leckerbissen für den wahren Freund bestens ver-

gesegnet. Dazu passt auch der subtile Band-          arbeiteten amerikanischen Wurzelguts. (cpa)

Sound, den ich mal etwas verkürzt als Soul mit       austin lucas –

Pedal Steel beschreiben will. Prägendes              Immortal Americans  16,95/14,95

Instrument sind aber die Tasten: mal dezent im       LP/CD. Altmodisches Singer/Songwritertum im

Hammond-Sound, meistens aber als sehr cooles,        Alt.Country-Format klassischer Machart vom

souliges Fender Rhodes-Piano präsent. Insgesamt      Barden aus Bloomington, Indiana. Nach etlichen

klingt die Band schlank und luftig, der Vibe ist     Jahren in Nashville (bei New West Records) kehrt

Americana, der Sound aber wie gesagt fast schon      Austin Lucas mit diesem Album in seine Heimat

Soul – teils sogar mit sehr guten, unaufdringlichen  zurück und versammelt eine illustre Schar sehr

Bläsern. Aber ganz ohne Schweiß und allzu exal-      guter Musiker um sich. Prägend finde ich Todd

tierte Emotion. Country-Element sind am              Beenes präsente Pedal Steel – genau so muss das

Verschwinden, lediglich die Gitarre setzt pointier-  klingen. Auch sehr schön sind die Harmonies von

ten Twang. Auf Christophs Referenzen stieß ich       Chloe Manor. Das erinnert mich an so bewegende

beim Hören ebenfalls recht schnell: Cowboy           Duos wie Mark Olson & Victoria Williams oder

Junkies und Dusty Springfield. Gemma Ray             auch Gram Parsons & Emmylou Harris. Lucas ist

möchte ich noch ergänzen. (Joe Whirlypop)            ein besserer Songwriter als Sänger (er knödelt ein

dawn landes –                                        wenig), der schlanke Bandsound ist aber ganz vor-

Meet Me At The River  23,95/14,95                    züglich. Der Drummer kann selten auch mal etwas

LP/CD. Perfekt aufbereitete und vor allem glän-      lauter, Banjo und dezente Keyboards sorgen für

zend dargebrachte Verneigung vor dem klassi-         Abwechslung. Huch, Steve Albini hat das aufge-

schen Country-Klang, für den einst Nashville, TN,    nommen? Der lässt es hier angenehm laidback

prägend, stilbildend und namensgebend wirkte.        angehen und lässt den Songs reichlich Raum zum

Um dem Sound seliger Tage möglichst hautnah zu       Atmen. Lucas hat so einiges erlebt, was seine

kommen, ließ sich die Singer-Songwriterin mit        Songs wissend und dramatisch macht. Heute ist er

der beeindruckend klar-weichen Stimme ihr            fitter denn je, auch wenn seine Songs teilweise

Klangkleid von Produzent-Altmeister Fred Foster      von bewegender Traurigkeit sind. Highlight in

auf den Lieder-Leib schneiden, mit dessen Hilfe      dieser Hinsicht ist das karge Drama „Eye Of An

sie ein derart Steel-, Slide- und vor allem Twang-   Esp“, ein langgezogener Todes-Jodler mit dürrem

sattes Songwerk erschuf, dass es dem Roots-          Banjo und einer traurigen Mädchenstimme beglei-

Puristen die Freudentränen fließen lässt. Mit        tet – das geht unter die Haut. Die seltene elektri-

reichlich Saiten-Silber, Gitarren aller Klangfar-    sche Gitarre kann aber auch mal nach Crazy Horse

ben, Mandoline, Fiddle & Banjo, aber auch            klingen. Insgesamt ein angenehm bodenständiges

Klavier und Hammond aufs Feinste ausgestattet,       Album mit überwiegend melancholischen Roots-

entwickelt sich die lückenlose Ohrwurmkette aus      Tönen, dafür aber von reifer Größe.
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