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                                    No Depression             15
           gebremster eher zeittypischer sowie stärker tradi-  Begegnung jetzt noch bleibender belohnt. (cpa)
           tionell  grundierter  Country  Rock  oder  Southern  Joy Williams –
           Rock  mit  dezidiert  multiplen  Roots  und  etwas  Front Porch                           23,95/14,95
           mehr Raffinesse. Hinzu kommen einige Balladen,  LP/CD. Das ewige Weinen hat ein Ende … meine
           teilelektrisch  und  gefühlvoll  oder  süffig  mit  stetigen Klagen über den Verlust eines der kreati-
           Americana-Tendenz, teils einer dezenten Portion  vsten  Zweiergestirne  im  weiten  Americana-Feld
           Pathos,  sowie  eine  nahtlose  Verbindung  von  haben zwar nicht ihren Kern eingebüßt (die Civil
           Country, Gospel und Folk (relaxter Groove, sehr  Wars sind und bleiben gloriose, aber vergangene
           apart  und  melodisch!).  Je  1x  mußte  ich  an  Geschichte), dennoch gibt es keinen Grund mehr
           Creedence Clearwater oder Tom Petty denken (die  zur  Klage.  Überzeugte  bereits  ihr  langjähriger
           er  neben  z.B.  der  Country-Seite  der  Stones  und  Partner jüngst mit einem Album-Alleingang, der
           den Eagles als Einflüsse angibt), anderswo an den  selige  Erinnerungen  weckte,  so  verbindet  das
           Klassiker  Country  Boy  (Heads  Hands  &  Feet)  gegenwärtige  Williams-Wurzelwerk  ebenso
           oder an Little Feat. Oder an den aktuelleren Chris  kunstvoll  wie  mühelos  die  wehe  Vergangenheit
           Stapleton. (dvd)           mit einer trostspendenden Zukunft. Anders als der
           Josh ritter –              frühere  Gefährte  verzichtet  die  mit  allen  Roots-
           Fever Breaks     21,95/14,95  Gaben gesegnete Songwriterin und bestürzend tief
           LP/CD.  19er,  von  Jason  Isbell  produziert  (der  berührende  Sängerin  gänzlich  auf  knackigere
           spielte auch Gitarre und steuerte etwas Vocals bei,  Country-Rock-Elemente,   entfernt   –   mit
           und brachte seine komplette Band 400 Unit mit,  Ausnahme der  singenden Steel-Gitarre – etwel-
           auch  Amanda  Shire  ist  mehrfach  dabei).  Das  ches  elektrisches  Instrumentarium  aus  ihren  fili-
           Ergebnis  pendelt  zwischen  rockigen  doch  nach-  gran-verletzlichen,  dennoch  greifbar  handge-
           denklichen  Versionen  von Americana  bzw.  zeit-  machten  Akustik-Arrangements,  streicht  das
           gemäßem  Country  Rock;  rundem  organischem  Schlagwerk  komplett,  und  überlässt  es Akustik-
           Roots Pop; zugleich etwas elegischem wie dezent  Gitarre,  Kontrabass,  Fiddle,  Dobro  und
           lakonischem  zeitweise  dramatisch  und  beinahe  Mandoline, ein irden-irisierendes, bodenverhaftet
           episch  anmutendem  Storytelling,  ganz  in  sich  kunstvolles,  gewachsen-gefühlvolles  Gewebe  zu
           ruhendem  Songwriter-(Outlaw)  Country  im  spinnen,  dass  bei  aller  handwerklichen
           Geiste der 70er; ziemlich schwerem Roots Rock,  Meisterschaft ganz allein dazu dient, eine ebenso
           Neil Young (Crazy Horse, ohne auszuufern frei-  unverwechselbare  wie  betörend  berührende
           lich)  erstaunlich  ähnlich  oder  ein  bischen  wie  Stimme in den Mittelpunkt eines durch Naturnähe
           Dylan in ungewöhnlich rockig; quasi malerischem  nachhaltig wirkendes Song-Werk zu stellen (eine
           relaxtem apartem Folk Rock. Immer dabei (inkl.  gekonnt gesetzte männliche Zweitstimme schenkt
           einiger  meist  kurzer  komprimierter  feiner  mitunter  den  gewohnt-geliebten  Duett-Klang).
           Features):  Die  E-Gitarre,  teils  im  Zentrum,  teils  Vergessen sind  die vorsichtigen Venus-Versuche,
           (z.B. toll klangmalend oder nur wunderbar punk-  das gewohnt irdene Terrain zu verlassen, in wur-
           tierend)  im  Gleichgewicht  mit  Akustikgitarre  zelverbundenen Weisen, die herznah aus dem ewi-
           (oder  Dobro)  und  (oder)  Piano  (Orgel/  gen amerikanischen Liederbuch genommen schei-
           Akkordeon). Ab und zu spielt Shires Geige eine  nen,  verbindet  die  beseelte  Sängerin  direkt  ins
           sehr effektive und starke Rolle. Ein richtig schö-  Blut fließende Melodien von bleibender Güte mit
           nes rundum qualitativ hochwertiges Album! (dvd)    beeindruckend  beweglicher  Stimmführung  und
           Jeff Tweedy –              hinterlässt  im  erstaunten  erfahrenen  Lauscher
           Warm/Warmer                                   15,95  schon bei der zweiten Hörbegegnung das Gefühl,
           2-CD.  Deutlich  erweiterte  2019er  Neu-Auflage  die emotionsvollen Lieder  bereits seit Ewigkeiten
           des  2018er  Solo-Albums,  bietet  neben  dem  zu kennen und zu lieben. Produziert von Kenneth
                                      Pattengale  entstand  eine  Americana-Klassiker-
           Originalwerk  Warm  noch  mit  Warmer  weitere
           zehn  exklusive  Songs,  die  während  der Album-  Sammlung,  die  die  Erinnerungen  an  eine  selige
                                      Vergangenheit auf eine neue Ebene hebt. 12 Songs
           Sessions  entstanden.  Weiterhin  gilt:  Gelassen
           hemdsärmeliges, bei allem Hang zu schlicht schö-  of Joy – ein ebenso erdverbundenes wie erheben-
                                      des Erlebnis. (cpa)
           nen  Harmonien  durchweg  von  handgemachtem
           Charme  geprägtes  2018er  Elf-Song-Werk  der  Townes Van Zandt –
           Wilco-Seele  und  Stimme,  aufgenommen  in  den  Sky Blue  24,95/14,95
           Loft  Studios,  Chicago  mit  Sohn  Spencer,  Glenn  LP/CD.  Pünktlich  zu  Townes‘  75.  Geburtstag
           Kotche und Tom Schick. Das Album lebt ganz und  schenkt  uns  das  Fat  Possum-Label  ein  knappes
           gar  von  Tweedy's  dezent  angerauhter,  mitunter  Dutzend bislang unveröffentlichter Solo-Akustik-
           verletzlich brüchiger Stimme, die ihre nie zu auf-  Studio-Aufnahmen,  darunter  sogar  zwei  Songs,
           wändigen,  aber  stets  ungemein  ohrgängigen  die hier ihre Premiere feiern. Klanglich entstaubt,
           Melodiebahnen  durch  ein  von  naturbelassenen  aber  ansonsten  naturbelassen,  erleben  wir  den
           Akustik-Gitarren-Akkorden  geprägtes  Singer-  Meister der gebrochenen Töne in nahezu unbear-
           Songwriter-Folk-Rock-All zieht, während um sie  beiteter, purer Form  – allein zu mal rhythmisch
           herum  sich  zunächst  dezent,  dann  immer  deutli-  pointierten,  mal  dezent  aufgelösten  akustischen
           cher die Vielfalt des Tweedy-typischen Americana  Gitarren-akkorden,  die  das  knarzig-karge
           entfaltet.  In  der  Mitte  des  energisch-empfindsa-  Country-/Blues-Klangbild  in  seiner  gefühlstiefen
           men Dreiecks von Neil Young, John Lennon und  Gänze  füllen,  prägen  und  tragen,  während  die
           Bonnie Prince Billy entwickelt sich eine eigensin-  Stimme des Texaners in langen, sehnenden Tönen
           nige  Alternative  Country-Kunst,  die  gleicher-  unter  die  Haut  kriecht. Auch  wenn  Melancholie
           maßen  dem  schleppenden  Country  Rock  des  und  Moll-Akkorde  seine  Balladen-Welt  bestim-
           ersten Tribut zollt, wie sie die Balladen des zwei-  men,  so  gibt  es  hier  sonnenlichtschimmernde
           ten  atmet  und  den  dritten  in  seiner  intensiven  Country-Folk-Ausnah-men,  die  das  Lächeln  des
           Verletzlichkeit  widerspiegelt.  Dazwischen,  dane-  reisenden Troubadours  herzwärmend  spüren  las-
           ben  und  darüber  eröffnet  sich  bei  wiederholtem  sen. Aufgenommen  vor  46  Jahren,  ungefähr  zur
           Hören  -  bei  aller  zurückgelehnten  Entspanntheit  Hochphase  seiner  produktivsten  Veröffentlich-
           des Dargebotenen  eine bemerkenswerte Vielfalt,  ungszeit,  dokumentieren  die  elf  Songs,  darunter
           deren  Tiefgang  sich  erst  dem  Dauerlauscher  All  I  Need,  Rex’s  Blues,  The  Hills  Of  Roane
           erschließt.  Zwischen  klassischem,  Steel-beglänz-  County,  Pancho  And  Lefty,  Snake  Song,  Silver
           tem  Country  Rock  und  schrammel-charmantem  Ships  Of  Andilar,  Dream  Spider  und  The  Last
           Singer-Songwriter-Folk herrscht ausreichend Luft  Thing On My Mind, einen Meister der ergreifen-
           und  Lust  für  Back  Porch-Entspannung  und  Pub  den  Gefühlstiefe,  der  ehrlichen,  alltagsnackten
           Rock-Klarheit,  Beatles-Harmonien  und  Pernice  Seite  des  Country,  in  höchst  intensiv-intimen
           Brothers-Hymnen,  sogar  für  psychedelisches  Aufnahmemomenten auf der Höhe seiner Kunst,
           Abheben,  elektrisch  verzerrtes  Ausufern  und  der seine bleibenden Weisen mit Herz und beseel-
           sonor  beknurrte  Giant  Sand-Wüsten  finden  sich  ter  Stimme  direkt  in  das  Great  American
           Zeit  und  Gelegenheit,  wenn  man  diesem Warm-  Songbook  singt.  Townes  in  reinster,  beein-
           Werk  die  Muße  zur  Entfaltung  gönnt.  Eine  druckender Form. (cpa)
           Americana-Alternative, die die zweite und dritte
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