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                    depression
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           The Bakersfield Sound -    besonders dramatische Momente zwischen tremo-
           1940-1974/Various Artists            159,95  lierender  Emotionalität  und  tiefempfundenem
           10-CD+Buch. Tief und bis an die Wurzeln gehen-  Gospel  zu haben ist, was er sich aber leisten kann.
           de  Erforschung  des  speziellen  Country-Klangs  Für mich ein herausragendes Alternative-Country-
                                      Album  weit  abseits  gängiger  Klischees  und  mit
           von  “Nashville  West”,  wie  die  zentralkaliforni-
           sche Interimsheimat von Merle Haggard und Buck  richtig großen Song-Momenten. (Joe Whirlypop)
           Owens  auch  gern  genannt  wurde.  Wissens-  und  Tyler Childers –
           bilderreich  begleitet  von  einem  220-seitigen  Country Squire  23,95/16,95
           gebundenen  Buch  bietet  die  LP-formatige  Bear  LP/CD. 19er des schon nach wenigen Alben mehr
           Family-Box zahllose Aufnahmen aus den Jahren  als etablierten Musikers aus Kentucky – Genauso
           1940  bis  1974,  beginnend  bei  Field  Recordings  toll wie der Vorgänger, einer der wirklich besten
           der 40er Jahre und neben Klassikern und bekann-  im „Pure Country“-Feld (manche sagen gar DER
           ten  Tracks  auch  zahlreiche  unveröffentlichte  Beste). Wofür neben den exzellenten Songs (text-
           Studioaufnahmen,  Demo-Fassungen,  Live-  und  lich  z.T.  erfrischend  unkonventionell  für  das
           Radio-Mitschnitte versammelnd. In 740 Minuten  Genre,  und  detailliert)  und  der  ebensolchen
           Spielzeit  finden  sich  dabei  299  Tracks  von  u.a.  Stimme  die  Band  sorgt,  mit  Russ  Pahl,  Stuart
           Homer Pierce, Jack Bryant, Maddox Brothers And  Duncan,  Mike  Rojas,  Bobby  Wood  u.a.,  heißt:
           Rose,  Bob  Manning,  Tommy  Collins,  Dallas  Vorzügliches  Ensemblespiel,  klasse  präzis-kurze
           Frazier,  Wanda  Jackson,  Fuzzy  Owen,  Bonnie  Soli von (v.a. E-) Gitarre, Mandoline, Fiddle und
           Blue  Bell,  Skeets  McDonald, The  Farmer  Boys,  Pedal  Steel,  teils  sind  Banjo  und  Piano/Orgel
           Joe  Hall,  Jimmy  Patton,  Bob  Morris,  Bonnie  dabei. Er verwendet (meist elektrifizierte) Classic
           Owens, Liz Anderson, Billy Mize, The Buckaroos,  Country-Formen  (Honky  Tonk,  klar,  Outlaw-,
           Bobby Austin,  Larry  Daniels,  Sanland  Brothers,  auch mal Bakersfield-Elemente…), zelebriert aufs
           Ira Allen,  Faye  Hardin,  Don  Rich, Walt  Pascoe,  Allerschönste  traditionelle  nur  wenig  upgedatete
           Louise  Lovett,  Joe  Maphis,  David  Frizzell,  Balladen  (eine  davon  mit  unorthodox  „losen“
           Clarence White, The Gosdin Brothers und natür-  Momenten  sehr  schön  veredelt,  fast  „Jam-artig“
           lich  jede  Menge  Songs  von  Buck  Owens  und  kurzzeitig,  und  wunderbar  gesungen),  baut  zwi-
           Merle Haggard. Ein rundum wertvolles Country-  schendurch aber auch eine Ballade mit süffigem
           Compendium.                dezentem  Country  Soul-Touch  ein  oder  besten
           Paul Cauthen -             eher zeitgenössischen doch tief traditionsbewuß-
           Room 41                                    17,95/14,95  ten Edel-Songwriter-Country (etwas rockig, klas-
           LP/CD. Auf diesen Typen hat mich kürzlich ein  se!  Keineswegs  „Americana“).  Im  letzten  Track
                                      überrascht das Intro, für Momente leicht Drone-
           guter  Freund  via  Social  Media  aufmerksam
           gemacht. Sein Song „Cocaine Country Dancing“  lastig/östlich  gefärbt.  Außergewöhnlich  zudem
                                      und ein spezieller Reiz: Mehr als die Hälfte der
           packte mich sofort und kann auch durchaus pro-
           grammatisch für  Paul Cauthen stehen. Denn auch  Songs  enden  (für  Sekunden)  mit  leisen  freien
                                      Ausfransungen  (inkl.  Feedback  z.B.).  Trotzdem:
           in  der  scheinbar  heilen  Welt  der  bibelfesten
           Cowboys  kursieren  Drogen,  und  Paul  Cauthen  Sehr  down-to-earth.  Klare  dicke  Empfehlung!
                                      (dvd)
           sprach ihnen zumindest früher auch ordentlich zu,
           was ihm aber gar nicht gut tat. Sein neues Album  Chris Gantry –
           entstand  während  einer  langwierigen  Auszeit  in  Nashlantis  24,95/15,95
           einem  Hotel  in  Dallas  und  entwickelte  sich  zu  LP/CD. 19er. Ein quasi semi-legendärer Veteran,
           einer  persönlichen  Abrechnung  mit  dem  Teufel  in den 60ern/70ern aktiv (mit wenig eigenen LPs,
           auf seiner Schulter und Nashvilles Kokain-Habit.  aber er schrieb viel für andere, bzw. wurde geco-
           Diese  klingt  aber  kein  bisschen  moralisierend,  vert),  befreundet  mit  Kris  Kristofferson  (den  er
           sondern wirkt auch musikalisch absolut glaubwür-  mehrfach  auch  begleitete)  und  Shel  Silverstein,
           dig. Dabei entsteht ein Style, der deutlich an die  lose der Outlaw-Szene verbunden. Nach jahrzehn-
           klassischen Outlaws Waylon Jennings und  Merle  telanger  Arbeit  als  Schriftsteller  seit  einigen
           Haggard  erinnert.  Deren  dunkel-dreckiger  Jahren  wieder  als  Singer-Songwriter  da.  Die
           Cowboy-Sound  gibt  Cauthen  eine  zusätzliche  Stimme ist in voller Würde und sehr reizvoll geal-
           Soul-Note, teils mit kleinen Funk-Momenten und  tert  (auf  ausdrucksvolle  Art  eine  Spur  brüchig,
           sogar winzigen und ziemlich coolen Electronics.  jede Menge Charakter), die Musik orientiert sich
           Kurz: es groovt, ohne die Roots preiszugeben. Der  v.a.  an  Folk,  plus  Americana-Tendenzen  und
           Hit ist eben das dunkel-treibende und theatralisch  Country-Einflüsse,  nahtlos  zusammenfließend,
           aufwallenden „Cocaine Country Dancing“– wow,  und  sie  wirkt  sehr  deep!  Im  oft  sachten  bzw.  in
           lowdown-funky  und  absolut  mitreißend.  Ein  sich ruhenden Storyteller-Stil, edel gereift, groß-
           großer  Vorteil  ist  zweifellos  diese  mächtige  teils akustisch, manchmal dezent rockig und/oder
           Singstimme: Cauthens Bariton ist eine Waffe von  teil-elektrisch (woanders auch mal ausgesprochen
           dramatischer  Größe,  laut  Promoinfo  nennt  man  sanft), und mehr als einmal ungewohnt interessant
           den  Burschen  deshalb  auch  „Big  Velvet“  .  Das  arrangiert (z.B. punktuell mit einer fast spacigen
           kommt gut hin – auch weil er immer wieder für  Orgel  oder  Mellotron/Synth,  wobei  Tasten  sonst
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