Page 7 - Glitterhouse Dezember Katalog
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Glitterbeat                                           7

Zunächst überwiegt die afrikanische Seite: Die        ste Intensität, gehackte Versatzstücke in rockigem

Grooves funky und enorm dicht verzahnt vor-           Rahmen, Spuren von Surf und ungeheurer Klang

wärtspeitschend oder straight klar westlich orien-    (farben)reichtum in einem. Eine Art Modern Jazz

tiert (mit famos treibendem Bass), hier ein apart     (R´n´B) Rock (aktualisierte Back Door?!) von

und geschmeidig rollender Beat, dort ein polyrhy-     polyphonen grell-strahlenden (irgendwie „Opern-

thmisch komplexer, alles in einem Kontext irgend-     Folk“-artigen) Power-Vocals überlagert.

wo zwischen modernisiertem Highlife und Afro          Brennender/ekstatischer/explosiver Free Rock,

Beat – die 70er Ursprünge präsent, doch klar          unvermittelt gefolgt von einer unbegleiteten

aktualisiert, modifiziert, teils sehr differenziert.  berührenden Sängerin und leiser sanfter

Gar mal eine kleine Prise Ethiopiques in der          Klangmalerei. Indianische Vocals/Chor und

(mächtig attraktiven) Melodik, ein Hauch Latin,       Rhythmen werden apart von E-Gitarre punktiert.

kurz eine begeisternde enorme Verdichtung oder        Diffiziler komplex-leichtfüßig-flexibler Neo

extrascharfe Akzente, für Momente Psychedelic-        (Prog?) Rock mit Jazz-Spuren. Köstlicher redu-

Elemente, in einem Fall mit viel Orgel (die sonst     ziert-elektrischer (Ethno-) Folk. Sporadisch gibt´s

selten vorkommt) und einem jazzigen Trompeten-        Mars Volta-Ähnlichkeiten, kurz gar Gamelan-

Solo. Später kommen vermehrt Jazz-Inhalte             Anleihen, die Gitarre (die die instrumentale Seite

hinzu, in einem breakreichen Afro-Bläser-Sound        dominiert, selten von Keyboards, kurz Sax unter-

abseits gängiger Kategorien (extrem spielfreudig,     stützt) ist extrem variabel, häufig brillant! Und

geradezu lustvoll!). Dann vermindert sich zuneh-      diverse Samples sind enthalten (v.a., nicht nur,

mend der Afro-Anteil, verschwindet teilweise.         vokale). Ungemein agile, teils quirlige, ereignis-

Dafür tauchen hypnotisch pumpende Beats auf,          reiche, in dieser Form ziemlich einzige Musik!

abziehende wie statisch marschierende, Synthies       (dvd)

from outer space, majestätische Bläser-Blöcke,        Ammar 808 –

sogar Hard Rock-Riffs, kurz kakophonische Free        Maghreb United               17,75/15,75

Jazz-Spritzer, beinahe experimentelle Phasen          LP (+DLC)/CD. 18er. Ein (Afro-) Projekt von

(rhythmisch klasse vorwärtswirbelnd, vertrackt        Sofyann Ben Youssef, Producer/Keyboarder der

und superspannend, stärkerer Jazzeinfluß mit nur      tollen Bargou 08-LP (ebenfalls auf Glitterbeat),

punktuellen aber tollen afrikanischen Beats), ein     wo er wichtigster Mitstreiter des dortigen Leaders

hochmelodisches Stück auf schleichenden Sohlen        war. Hier produzierte er, arrangierte, konzipierte,

voller Eleganz (Bläser und Gitarre grandios ver-      ist zuständig für Electronics/Synths/Effekte – die

woben!) und ein großartiges ruhiges langsames         sehr gezielt/punktuell, teils sparsam, aber unge-

enorm suggestives, zeitweise erhaben wirkend,         mein effektiv/wirkungsvoll eingesetzt werden

partiell Psyche-Gitarre. Eine sehr besondere          (gern z.B. dunkel-monoton im tiefsten Bereich,

Musik! Vinyl 180g. (dvd)                              aber auch leicht abenteuerlich), sowie das

Stella Chiweshe – Kasawah-                            Programming der Rhythmen mittels der berühm-

The Early Singles         17,75/15,75                 ten analogen Drum-Machine TR 808 – daher der

LP (+DLC)/CD. 18er. Eine große Künstlerin, eine       Bandname -, die Percussion klingt in den höheren

lebende Legende aus Simbabwe. Seit ich sie vor        Frequenzen ziemlich „echt“, in den

20 Jahren das erste Mal hörte, bin ich Fan. Leider    tieferen/dumpfen tendenziell „elektronisch“; und

folgt ihren wenigen hier erschienenen Alben           insgesamt irgendwie „natürlich“, als müßte es so

schon seit 2006 nichts mehr nach. Umso erfreuli-      sein). Im Zentrum steht zum einen der Groove:

cher, daß Glitterbeat frühe Aufnahmen aus der         Ein packender, mächtig treibender bis rasanter

Zeit von 1974-1983 ausgegraben hat (die nur in        knallender, anfangs dezent vertrackter bis schon

ihrer Heimat erhältlich waren). Viel Abwechslung      mal polyrhythmischer, später eher einfacher. Zum

wird nicht geboten, für manch Hörer mag das auf       anderen die Sänger aus 3 Ländern (Tunesien,

Dauer enervierend klingen, ich finde diese Musik      Algerien, Marokko; u.a. vorher für Fatoumata

(basierend auf uralten spirituellen Traditionen)      Diawara, Natacha Atlas und Robert Plant-Spezi

absolut faszinierend – entweder sie packt einen       Justin Adams tätig), was auch die Wurzeln

(wie z.B. auch John Peel, für den sie 2 Sessions      bezeichnet, aus denen geschöpft wird (siehe der

aufnahm und der sie punktuell schon mal produ-        Titel der Platte), 9 der 10 Stücke sind Traditionals

zierte), oder eben nicht. Im Zentrum steht die        – aber (hoch)modernisierte/aktualisierte, mal

Mbira (früher einsortiert unter „Daumenklavier“),     mehr, mal weniger. Die Vocals greifen oft auf typi-

ein Instrument mit 22-28 Metallplättchen, die         sche/traditionelle (und häufig repetitive)

gezupft werden, der resultierende Sound ähnelt        Call/Response-Formen zurück, begleitet von

ein bischen der Marimba. Hinzu kommt                  Gumbri (ein Saiteninstrument), Gasbas (attraktive

Percussion (Shaker) und ihr Gesang (eher rauh,        etwas kehlige partiell klasse rotierende oder wir-

manchmal auf seltsame Art nonchalant, mal for-        belnde Flöten) oder Zokra (eine Art Oboe, z.T.

dernd, ansatzweise emotional aggressiv, die           hochgepitcht kreiselnd, relativ scharf), jeweils

Melodik singulär) – that´s it. Repetitiv angelegt     wird auch auf Loops (bzw. Soundmanipulationen,

(z.T. auch die Vocals), die Mbira im ständigen        Samples) zurückgegriffen. Vor allem die Seite 1

Fluß, straight in der Rhythmik (phasenweise auf       finde ich großartig, phasenweise richtig erre-

eigene Weise irgendwie Groove-artig) und in der       gend/aufregend, Seite 2 nähert sich irgendwann

Wirkung absolut hypnotisch, geradezu trancehaft       zunehmend soundmäßig (und manchmal auch

(in der Tat war/ist das auch Zweck/Absicht). Das      rhythmisch, die Grooves werden einfacher)

mit 8 Minuten längste der 8 Stücke (der Rest ist      europäischer elektronischer Club-Musik an, frei-

weit kürzer) verfügt über einen sehr ausgeprägten     lich nie ohne das spezifische nordafrikanische

Refrain, der einen beinahe „Pop“-artigen (Sog-)       Element, in punkto Gesang, Instrumentarium und

Effekt hat, andere verzichten ganz auf einen sol-     Melodik sowieso, und deshalb stets von hohem

chen, das alles wirkt ziemlich archaisch/ schama-     Reiz. Zum Schluß kommt ein wenig mehr arabi-

nisch. Und komplett einzig, wie nichts sonst. Eine    scher Touch auf. So lasse ich mir Modernisierun-

dicke von Herzen kommende Empfehlung. 180g-           gen alter Musikformen und Elektronik-Einsatz

Vinyl. (dvd)                                          gefallen, ein rundum gelungenes exzellentes

Yonatan Gat –                                         Album, eine dicke Empfehlung. (dvd)

Universalists             17,75/15,75                 Samba Toure – Wande LP (+DLC)/CD 17,75/15,75

LP (+DLC)/CD. Auf Tak:til. 18er, ein ganz außer-      Sonido Gallo Negro –

gewöhnlicher Gitarrist aus Israel/New York,           Mambo Cosmico LP (+DLC)/CD            17,75/15,75

David Berman (Silver Jews) produzierte (1x half       Park Jiha – Communion LP (+DLC)/CD 17,75/15,75

Steve Albini). Ein kleines Wunderwerk voller          Dirtmusic –

hochorigineller bis ziemlich abgefahrener Überra-     Bu Bir Ruya LP (+DLC)/CD              17,75/15,75

schungen: Hard-Prog-Surf mit Jazz-Spuren oder         ToodArt –

so, rasant und stürmisch. Vertrackt-eigenartiger      Laissez Passer LP (+DLC)/CD           17,75/15,75

Avant-(Jazz-)Rock. Rock, sakrale Gesänge, höch-       Abatwa (The Pygmy) – Why Did We Stop

                                                      Growing Tall? LP (+DLC)/CD            17,75/15,75
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